DA 16.05.2013

Guten Tag, Herr Oberlehrer!

Foto: André Braun

Foto: André Braun

Oberlehrer Michael Kreskowsky zügelte seine Schüler auch mit dem Rohrstock. Im Waldheimer Museum gab es eine Schulstunde wie vor 100 Jahren, als Kaiser Wilhelm II. noch lebte.

Den Rohrstock meint Jannek Reichelt zu kennen. "Damit schlägt unsere Lehrerin immer auf den Tisch, wenn jemand fast einschläft", erzählt der Zehnjährige aus Waldheim. Nur dass es sich dabei eher um einen Zeigestock handelt. Und Einschlafen ist bei Oberlehrer Michael Kreskowsky sowieso nicht möglich. Genauso wie Quatschen, freche Kommentare abgeben, während des Unterrichts auf die Toilette gehen oder mit links schreiben. In einer historischen Schulstunde wie vor 100 Jahren zeigte der selbstständige Gästeführer Kreskowsky im Waldheimer Museum den Teilnehmern, was Disziplin bedeutet.

Jannek bekommt das als Erster zu spüren. "Aufstehen, Hände an die Seite und immer schön mich ansehen. Und wir antworten immer im Satz", lautet der Appell an den Drittklässler. Der muss zwar grinsen, antwortet aber brav: "Ja, Herr Oberlehrer!" Wenige Minuten später wird aus Jannek Wilhelm. Schließlich sollen auch die Namen zur Zeit von Kaiser Wilhelm II. passen. Die Jungs bekommen ein Matrosentuch um den Hals, die Mädchen eine Schleife ins Haar.

Eigentlich stehen Mathe und Physik auf dem Stundenplan. Doch Kreskowsky muss seinen 15 Schülern zunächst die wichtigsten Verhaltensregeln beibringen. Wenn er den Raum betritt, haben alle aufzustehen und ihm im Chor zu begrüßen. Wer spricht, muss aufstehen. Die Hände liegen gefalten auf dem Tisch, der Rücken gerade. Die Stunde beginnt mit einem Gebet: "Geh ich in die Schule rein, ich will immer fleißig sein."

"Die Lehrer hatten damals teilweise 60 Schüler in einer Klasse. Pädagogisch gebildet waren sie nicht. Da hat schnell mal einer ausgeholt, den Rohrstock gezückt oder an den Ohren gezogen", erzählt Kreskowsky. Gehorsam sei das wichtigste gewesen. "Darum konnte man die Leute in den Ersten Weltkrieg schicken. Die haben gemacht, was ihnen gesagt wurde." Die Schüler hätten sich nach Schlägen mit dem Rohrstock sogar für die Züchtigung bedankt. Davon bleiben die Waldheimer Schüler verschont, aber auch Wilhelm und sein Sitznachbar Anton werden mehrmals in die Ecke geschickt. Marita fällt bei der Kontrolle der sauberen Hände mit ihren manikürten Fingernägeln durch und wird zum Waschbecken geschickt. Auch der Zappelphillipp in der letzten Reihe, Waldheims Kulturamtsleiter Falk Hartig, muss regelmäßig zurechtgewiesen werden. Zwischendurch wird in Liedern immer wieder der liebe Kaiser gepriesen, bis jeder weiß, wann dieser Geburtstag hatte. Und auf das eigene Zeugnis kann am Ende jeder seinen Namen in alter Korrentschrift eintragen.

Fazit der historischen Schulstunde: Jeder Schüler wird versetzt und alle sind froh, dass es heute anders zugeht. Jannek Reichelt dürfte sonst zum Beispiel nicht mit links schreiben. Aufgestanden wird auch nicht mehr, wenn der Lehrer den Raum betritt. "Es muss auch niemand gerade sitzen", so Jannek. Heute sei es schöner in der Schule. "Da liegt ein Spielteppich in der Ecke und wenn die Kinder keine Lust mehr haben, machen sie eben eine Pause", ergänz Michael Kreskowsky, der sich seit seiner Kindheit mit Heimatgeschichte befasst.

"Die Gäste sollten authentisch erleben, wie die Schulzeit damals war", erklärt Falk Hartig. Passend dazu gibt es noch bis zum 14. Juli die Sonderausstellung "Lehrer Lämpel Schulzeit zwischen 1871 und 1918" im Waldheimer Museum. Und wenn sich eine interessierte "Schulklasse" meldet, würde Kreskowsky noch einmal in die Rolle des Oberlehrers schlüpfen.

Von Peggy Zill